Fernsendungsbewusstsein
Das Fernsendungsbewusstsein
Eine Diagnose ohne Heilungsaussicht
Rote Lampe an. Und sofort: dieses Leuchten im Gesicht. Die Überzeugung, jetzt — endlich, vor Millionen — das Richtige zu sagen. Das Fernsendungsbewusstsein hat den Politiker erfasst. Der Zuschauer lehnt sich zurück. Er weiß, was kommt.
Es kommt: nichts. Aber ausführlich.
Der Moderator fragt nach den Rentenkürzungen. Der Politiker antwortet mit Europa, dem Mittelstand und einer Frau aus Gütersloh, die ihm neulich etwas Beeindruckendes gesagt hat. Was genau, bleibt offen — die Botschaft ist das Gefühl. Das Gefühl, dass dieser Mann zuhört. Kämpft. Anpackt. Jedenfalls irgendwas mit Händen.
„Lassen Sie mich das kurz einordnen."
— Ankündigung einer Antwort, die weder kurz noch eine Einordnung sein wird
Das Perfide am Fernsendungsbewusstsein: Es ist vollkommen immun gegen Widerspruch. Fakten prallen ab. Nachfragen versickern. Selbst die Unterbrechung des Moderators wird lächelnd weggenickt — das Lächeln eines Menschen, der innerlich längst beim nächsten Satz ist. Zuhören ist im Fernsendungsbewusstsein kein Modus, nur eine Pause zwischen zwei Sendungen.
Nach dem Auftritt: Mikro ab, Jackett zurecht, echtes Lächeln. Kurz ist der Politiker wieder Mensch. Dann klingelt das Telefon. Die Pressestelle. „Sehr stark heute. Haben Sie gut rübergebracht." Das Fernsendungsbewusstsein erwacht neu. Morgen gibt es eine Talkshow.
„Wer sich selbst beim Sprechen zuhört, braucht kein Publikum mehr.
AntwortenLöschenEr ist Sender und Empfänger zugleich."